Späne

Schmerzhaft verzog er das Gesicht. Er empfand es als Frevel, ein Verbrechen gegen die Natur, gegen das Geschenk der Schöpfung, gegen die Einheit, den Kreislauf, das Zusammenspiel. Eine Unterbrechung des natürlichen Flusses, eine Störung der Ordnung, der erste Schritt ins Chaos. Unweigerlich würden dem nun Veränderungen nachfolgen, unaufhaltsam, zwangsläufig. Veränderungen, die ohne den Eingriff erst in Jahren, vielleicht Jahrzehnten eingetroffen wären. Er haderte mit dem, was er da wahrnahm. Er wusste, er alleine würde es nicht aufhalten können, würde dem nicht Einhalt gebieten können. Alleine konnte er gar nichts ausrichten.

Erneut kniff er die Stirn zusammen. Diesmal konnte er es bis in seine Eingeweide spüren. Ein Erbeben, eine Vibration, eine Erschütterung der Basis, seiner Basis. Er krümmte sich unvermittelt, versuchte, sich und sein Inneres zu schützen. Wie oft würde er es noch erleiden müssen, bis es endgültig vorbei war? Bis das Unvermeidliche eingetroffen war und sie voranschreiten würden in ihren Taten? Bis er wieder Ruhe finden würde, zumindest im Außen? Im Innen war an Ruhe nicht zu denken. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals innerlich ruhig gewesen zu sein. Nicht in der finstersten Nacht, nicht am hellsten Tag. Nicht in der größten Menge, im Getöse, nicht am einsamsten Ort. Niemals, nirgends.

Wieder dieses Geräusch, dieses Aufheulen. Sein schmaler Körper zog sich so sehr zusammen, dass er die Arme um seine Mitte schlagen musste, aus Angst, es würde ihn sonst abschnüren. Ganz fest umschlang er sich selbst, schaukelte vor und zurück, vor und zurück. Die ruhige, stetige Bewegung vermittelte ihm einen winzigen Funken an Geborgenheit, als ob die Mutter, nachdem sie an einem langen Tag zurückgekommen war, noch einmal in das Kinderzimmer geblickt und ihm die Decke über die Schultern hochgezogen hatte. Die einzige Berührung eines Tages manchmal, oft aber nur die einzige, die nicht schmerzhaft war. Niemals hätte sie es getan, wenn sie gedacht hätte, dass er noch wach gewesen wäre. Aber er wusste, dass sie kommen würde. Um nichts auf der Welt hätte er diesen Moment verpassen können, dieses kurze Aufglimmen einer Wärme, die er nicht hatte einordnen können, und die er bisher nirgends und durch niemanden wieder erlebt hatte.

Erneut das Aufheulen. Er konnte es nicht mehr ertragen. Obwohl er mit all seiner wenigen Kraft dagegen ankämpfte, schlossen sich seine Augen, er sackte zusammen und sein Kopf drängte auf seine Knie. So wenig Platz wie möglich einnehmen, ein winziges, enges, kaum menschliches Päckchen. Er wusste, was nun kommen würde, spürte die Bilder in sich aufsteigen. Spürte das Grauen anwachsen, beginnend am unteren Rücken langsam die einzelnen Wirbel entlang hinaufkriechend, die Wirbel, die sogar durch den dicken Pulli und die Jacke sichtbar waren, wenn er so kauerte. Einen nach dem anderen nach oben, bis die Bilder schließlich endgültig ihren Zugang zu seinem Bewusstsein erlangt hatten und in ihrer ganzen Unbarmherzigkeit zuschlagen würden.

Äste, die in die Luft ragten. Dürr, trocken, ohne Rinde.

Er riss den Kopf in die Höhe, riss die Augen auf, zwang sich, in das helle Grau des bedeckten Himmels zu blicken. Die Wolken hingen tief an diesem Tag. Schwer, als ob sie auf die Erde niedersinken wollten, als ob sie selbst ihm zu Hilfe kommen wollten mit ihrem Gewicht, ihrer Undurchlässigkeit. Als ob sie kommen wollten, um alles zuzudecken, alles abzudecken, wie die Mutter in der Nacht. Dann würde alles gut werden.

Ohne Rinde. Weiß, gräulich fast.

Er wusste, was zu tun war, wusste, was ihm bevorstand. Es gab kein Entkommen. Langsam löste er seine Arme von den Beinen, fest wie ein Schraubstock waren sie um ihn geklammert gewesen, so fest und doch so unnütz. Sie konnten ihn nicht bewahren. Er stützte sich ab und kam langsam in den Stand. Zitternd, wankend und doch entschlossen begann er, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er wusste, es würde ihm alles abverlangen, alle Kraft, allen Willen, alles, was er noch in sich trug.

Erneut das Geräusch. Ein Kreischen, animalisch fast. Zuerst schrill und hoch, verlangend. Dann, wenn der Wunsch, der Drang erfüllt worden war, satter, tiefer. Und unendlich grausam.

Gräulich, nach oben gebogen, nahezu perfekt geformt.

Er schüttelte den Kopf. Er schüttelte ihn, obwohl er wusste, dass es ihm nicht weiterhelfen würde. Egal, wie stark er schüttelte, egal, wie heftig. Er hatte es oft versucht. Er wollte sie loswerden, die Bilder, wollte sie aus seinem Gedächtnis schütteln. Wollte sie herausschlagen, mit Fäusten, mit Steinen, mit dem Kopf gegen Wände. Er zwang sich weiter. Fast war er am Ziel. Noch konnte er sie nicht wirklich sehen, nicht einmal wirklich hören. Noch waren sie nur unklare Geräusche, ein Gemurmel, orangefarbene Schemen, die er nur erahnen konnte, vielleicht nicht einmal das. Er wusste, dass sie da sein mussten, ohne tatsächlich zu wissen, wo genau, ohne sie tatsächlich erkennen zu können. Vielleicht spielten ihm seine Sinne einen Streich, vielleicht war er noch zu weit weg. Vielleicht würde er es nicht mehr rechtzeitig schaffen.

Ein warnender Schrei durchzog die Stille, dann ein lautes Krachen. Es war so weit. Er war rechtzeitig gekommen. Er blickte nach oben, atmete tief durch, ballte die Hände. Er war soweit.

Die alte Fichte fiel mit unendlicher Langsamkeit zu Boden. Die Äste, die sie nur mehr im oberen Bereich des Stammes ausgebildet hatte, bogen sich in Richtung Wolken, weg von dem Rückgrat, der Versorgungsleitung, die sie Jahrzehnte lang genährt und gestützt hatte. Wie einzelne menschliche Rippen sahen sie aus, wie ein graziler und doch erstaunlich stabiler Käfig aus perfekt geformten Bögen, die das, was zwischen ihnen liegt, schützen. Dunkelgrün, fast schwarz waren sie, feucht von den Regenfällen und dem Nebel in den Wäldern dieser Jahreszeit. Gleich würden die beiden Förster in ihrer leuchtenden Warnkleidung, mit ihren Motorsägen, die sie zum Fällen benutzt hatten, in den Händen, herantreten und die Äste von ihrem Rückgrat entfernen. Abtrennen würden sie sie, selbst mit Schutzbrillen gegen die fliegenden Späne geschützt. Die Stille des Waldes würden sie so immer und immer wieder mit diesem unerträglichen, unnatürlichen Aufheulen durchschneiden.

Die weißen Äste hatten keine Späne geworfen.

Keine Späne, als er sie mit der kleinen Handsäge von ihrem Stamm entfernte.

Er hatte keine Schutzbrille benötigt.

Knochen werfen keine Späne.

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