Vorfrühling

Unübersehbar war es, ein klarer Kontrast gegen die schmutzige, schwarzbraune Erde, die von dem Rinnsal aus Schmelzwasser und dem Regen der letzten Nacht durchzogen wurde. Immer dann, wenn das Wasser auf ein Hindernis traf, einen Stein, einen Zweig, einen Rest alten Schnees, rollte es sich unregelmäßig zusammen, verweilte ein bisschen, fast, als ob es die Umgebung betrachten wollte. Gleich nahm seine Reise wieder Fahrt auf, es entfaltete sich, streckte sich vollkommen aus auf seine ganze Länge, nur um an der nächsten Biegung wieder zusammengeschoben zu werden.

Sie hatte es schon von Weitem erkannt. Aber sie machte sich keine Sorgen, denn es würde ihr direkt vor die Füße getrieben werden. Alles Wasser sammelte sich zu ihren Füßen. Das wusste sie. Nicht, weil sie es spürte, schon lange spürte sie es nicht mehr. So war es immer. Als Erstes verschwanden die Zehen, der große zuerst, dann die anderen, bis es sich anfühlte, als wäre man gar nicht mehr mit der Erde verbunden, als stünde man nicht im Dreck, als wäre man wie ein Engel, der über dem Boden schwebte. Die Nase kam als Nächstes. Aber so weit war es noch nicht. Noch stach die Kälte zu, in die Spitze, von der es unaufhörlich tropfte. Sie zog hoch. An normalen Tagen waren die Finger schließlich das Letzte, das verschwand, bevor die Arbeit vollendet war. Heute war kein normaler Tag. Heute war das Wasser heiß. Heute war das Wasser rot.

Was für ein Segen, hatte die Wehmutter gesagt, als sie das schreiende Bündel in eben die Tücher gewickelt hatte, die nun durch ihre Hände glitten, immer wieder, bis das Wasser, das sie herauspresste, klar sein würde. Was für ein Segen. Gesund, kräftig und genau an dem Morgen geboren, an dem das erste Grün aus der weißen, brüchigen Decke hervorgetreten war. An dem Morgen, an dem die Strahlen der Sonne die Decke nicht nur zum Glitzern, sondern auch zum Schmelzen gebracht hatten. An dem Morgen, an dem die dunklen Stunden und die Kälte, die in alle Ritzen kroch, egal wie sehr man versuchte, sie zuzustopfen, mit Mist, mit Heu, mit alten Lappen, die nicht einmal mehr zum Kalben verwendet werden konnten, vorbei zu sein schienen, an dem Verheißung und Fruchtbarkeit und Zuversicht aus den Wolken hervorbrachen.

Sie legte die Tücher über den Schemel, vorsichtig, denn der Boden war aufgeweicht und uneben und der Schemel wurde mehr durch das Ungeziefer in seinen Brettern, als durch deren ausgebrochene und abgenutzte Verzahnungen zusammengehalten. Sie kippte den Waschzuber aus, drückte den Rücken durch, drehte sich weg vom Haus und blinzelte in das Licht. Sie schloss die Augen, ließ die Strahlen die schmerzende Nase wärmen, spürte das Kitzeln und das Kribbeln, das man nur fühlt, wenn man vorher richtig gefroren hatte. Spürte die Macht der Sonne, wie sie kämpfte, fast hatte sie gewonnen, ein paar Tage noch, eine Woche vielleicht, dann würde sie triumphieren.

Der schrille Schrei des Neugeborenen ließ sie unwillig die Augen öffnen. Durchdringend, unbarmherzig. So schrien sie nur in den ersten Lebenstagen. Wütend hörten sie sich an, rasend. Als ob sie nicht damit einverstanden wären, nun auf dieser Erde zu wandeln. Als ob sie protestieren würden, mit all ihrer kleinen Macht. Als ob sie sich noch an das Davor erinnern würden, an die Wärme, an die Enge, an die Umarmung. Nach ein paar Tagen hörten sie sich anders an, dann, wenn die Erinnerung verblasst war und sie sich in ihr Schicksal ergeben hatten.

Sie blickte in Richtung des nahen Waldes. Dampf stieg zwischen den mächtigen, schwarzgrünen Bäumen auf, waberte langsam empor, wie er vor ein paar Stunden in der Küche aus dem Topf emporgewabert war, der nach Befehl der Alten von ihr aufgesetzt worden war. Ihr Blick wanderte zurück, glitt an der Vorderseite der Bäume entlang, strich über das unbestellte Feld, kroch durch den morschen Zaun, dessen Latten abgeknickt waren, Opfer des harten Frostes. Über dem Misthaufen glaubte sie, ein Flirren in der Luft ausmachen zu können, wie ein Schwarm Mücken im Sommer, wenn er frisch geschlüpft war und sich immer wieder neu formierte, nur um dann in der Nacht auf dem Heuschober in der feuchten, hitzigen Enge den Knechten den Schlaf zu rauben.

Sie senkte die Lider. Dort, im Morast, wand sich das Haarband um ihren linken Fuß. Es war direkt zu ihr gekommen. Mit Zeigefinger und Daumen der rechten Hand zog sie es aus dem Schlamm, ein wenig sträubte es sich, blieb an ihren löchrigen Stiefeln hängen, klebte daran fest wie eine Haarsträhne auf der Stirn, wenn einem der Schweiß beim Mittsommertanz in Bächen herunterläuft, ließ schließlich doch ab, wellte sich ein bisschen und schwang dann gegen die Strahlen langsam direkt vor ihrer Nase. An den Rändern war es ausgefranst, verschmutzt, verfärbt. Es war dennoch zu erkennen, dass es das blaue Band war, das der Bauer der kleinen Ida auf dem letzten Jahrmarkt gekauft hatte. Es hatte so gut zu ihren blonden Haaren gepasst. Jedem hatte sie es gezeigt, gesagt, dass sie es ganz alleine bekommen hatte, weil es genau die Farbe ihrer Augen hatte, wenn sich die Sonne darin spiegelte, dass nur sie es tragen dürfe, dass es ihr größter Schatz wäre.

Sie drehte es langsam herum. Auch auf der Rückseite war keine Spur zu sehen. Keine Spur des vielen Blutes, welches das leuchtende, blonde Haar ganz dunkel gefärbt hatte, bevor es schließlich im weichen, lockeren Waldboden des Spätherbstes verschwunden war, zusammen mit Ida. Das viele Blut, das nun, ausgewaschen aus dem Boden der versteckten Lichtung ganz nah am Waldrand, ganz nah am Weg, aber nicht zu finden für einen, der nicht wusste, wonach er suchen musste, das viele Blut, das zusammen mit dem vielen Wasser nun im Dreck des Hinterhofes versickerte.

Sie rollte das Band um die blauen Finger, zwei Finger, Zeigefinger und Mittelfinger, eng zusammen und ließ es zwischen ihren Röcken verschwinden. Nun gehörte es ihr ganz alleine. Nun konnte sich alleine in ihren Augen die Sonne spiegeln.

Als sie mit dem Bündel kalter, nasser Tücher in der Hand über die Schwelle in das Dunkel des Einödhofes schritt, verstummten die Schreie des Neugeborenen. Lächelnd betrat sie die Stiege zur Schlafkammer.

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